Bedingungsloses Grundeinkommen: Kann das funktionieren?

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Tun, wonach einem ist und dafür auch noch Geld bekommen – was sich wie ein Leben im Schlaraffenland anhört, ist für manche Menschen, sogar in Deutschland, schon Realität. Und nein, diese Menschen haben nicht geerbt und sind auch nicht auf anderem Wege zu Wohlstand gekommen. Stattdessen nehmen sie an einem Modellversuch zum bedingungslosen Grundeinkommen teil. Könnte dieses Modell auch für die ganze Gesellschaft funktionieren?

Feldversuch in Berlin Funktioniert das auch bei uns? Entlastung der Sozialsysteme? Anreiz zur Arbeit Fazit

Feldversuch in Berlin

Es muss ein schöner Tag für die 23 Ausgewählten gesehen sein, als sie erfuhren, dass sie ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. 1.000 Euro gibt es, ohne Verpflichtungen, ohne Arbeitsleistung. Die Idee scheint höchst attraktiv zu sein: Anfang Januar dieses Jahres hatte der Initiator Michael Bohmeyer bereits 250.000 Euro eingenommen, um den Traum vom bedingungslosen Grundeinkommen zu ermöglichen. Das Geld hierfür kam via Crowdfunding zusammen, fast 40.000 Menschen haben bisher gespendet. Ab einer Schwelle von 16.000 wird ein neuer Glückspilz ausgelost, der 12 Monate lang ein Grundeinkommen ausgezahlt bekommt.

Trotz solcher Feldversuche wird in Deutschland noch immer darüber gestritten, ob eine solche Finanzierung Luftschloss oder Zukunft ist. Andere Länder sind da weiter bzw. haben intensiver mit dem Grundeinkommen experimentiert. Finnland zum Beispiel hat im Juni 2015 als erstes europäisches Land beschlossen, eine Arbeitsgruppe zum Thema zu bilden. Dabei sollen nicht nur das bedingungslose Grundeinkommen, sondern auch die sogenannte negative Einkommenssteuer und das Konzept einer bedingungslosen Grundsicherung zuzüglich Wohngeld getestet werden. Die Studienleiter gehen damit auf die Interessen der finnischen Bevölkerung ein. So wünschen sich laut Umfrage der finnischen Sozialversicherung Kela 69 % der Finnen ein Grundeinkommen in Höhe von 1.000 €.

Funktioniert das auch bei uns?

Wünschen kann man sich viel. Und natürlich klingt ein bedingungsloses Grundeinkommen reizvoll, insbesondere für die Menschen, die nicht gern zur Arbeit gehen. Ihnen würde nach Argumentation der Befürworter ein bedingungsloses Grundeinkommen die Chance geben, den eigenen Interessen zu folgen und von den Zwängen der Erwerbsarbeit befreit zu werden. Zudem erhöhe sich die individuelle Risikobereitschaft, zum Beispiel, in die Selbstständigkeit zu gehen oder ein Unternehmen zu gründen.

Genau dies ließe sich jedoch auch als Gegenargument verwenden. Nicht jeder eignet sich für die Selbstständigkeit. Voraussetzungen wie Selbstorganisation, Durchhaltevermögen und wirtschaftliches Verständnis sind wichtig, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Was als Förderung von Innovation dargestellt wird, kann sich daher auch als großer Flop entpuppen.

Entlastung der Sozialsysteme?

Darüber hinaus wird argumentiert, dass die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens dazu führe, dass Transferleistungen wegfallen würden und damit der Staat im Endeffekt sogar mehr Geld hätte als momentan. Auch eine Vereinfachung des Steuersystems wird angenommen, sollte das Grundeinkommen eingeführt werden. Aber geht die Rechnung tatsächlich auf? Was, wenn das Geld am Ende des Monats für den Bürger geringer ist, wenn Kindergeld, Wohngeld und andere Unterstützungen in einem Grundeinkommen von – sagen wir – 1.000 € subsumiert werden? Dann sieht es in der Haushaltskasse ganz schön eng aus. Doch das größte Problem am bedingungslosen Grundeinkommen liegt tatsächlich woanders.

Anreiz zur Arbeit

Draußen tobt ein Sturm, dichte Schneeböen wechseln sich mit Regenschauern ab. Vom Fenster aus können Sie sehen, dass sich Blitzeis auf der Straße gebildet hat. Und jetzt ganz ehrlich: Würden Sie sich bei so einem Wetter auf den Weg zur Arbeit machen, wenn Sie nicht müssten?

Mit diesem kleinen Alltagsbeispiel sind wir beim Hauptkritikpunkt am bedingungslosen Grundeinkommen angelangt: Dem Anreiz, zu arbeiten. Natürlich wäre es schön, wenn jeder Bundesbürger seinen Job aus Leidenschaft, innerer Überzeugung und aus dem hohen Ideal heraus, die Gesellschaft zu unterstützen, ausüben würde. Die Realität sieht allerdings anders aus. Viele Jobs, insbesondere die körperlich anstrengenden haben schon jetzt einen Mangel an Auszubildenden zu beklagen. Wie soll es dann erst bei einem bedingungslosen Grundeinkommen aussehen?

Der Moral Hazard könnte eintreten, das moralische Risiko also. Besonders anfällig hierfür sind nach Ansicht der Kritiker diejenigen, die im Vergleich zum bedingungslosen Grundeinkommen finanziell gleich oder gar schlechter abschneiden würden. Warum, so die Frage der Skeptiker, sollten diese Menschen dann noch acht Stunden und mehr anstrengenden körperlichen Arbeiten oder einem langweiligen Bürojob nachgehen?

Diese Frage lässt sich womöglich erst in einem umfassenden Feldversuch mit der deutschen Gesellschaft beantworten. Vielleich trauen die Skeptiker uns auch viel zu wenig zu und wir gehen umso motivierter ans Werk, weil wir wissen, dass uns niemand dazu zwingt? Doch selbst wenn alle Berufe weiterhin ausgeübt würden, müsste der deutsche Staat enorme Summen aufwenden, um jedem Bürger das bedingungslose Grundeinkommen überhaupt zahlen können. Das Geld fehlt dann logischerweise an anderen Stellen wie dem Ausbau der Infrastruktur oder dem Bau von Gebäuden.

Fazit

Auch wenn Modellversuche existieren, scheint das bedingungslose Grundeinkommen für ganz Deutschland in weiter Ferne zu sein. So humanistisch der Ansatz dieser Wirtschaftstheorie auch ist, die Argumente der Kritiker dagegen sind stark. Vielleicht würde ein erweitertet Feldversuch, etwa in einem Dorf oder einer Kleinstadt helfen, die Verhaltensweisen und Reaktionen auf ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgiebiger zu testen.

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