Ein Leben ohne Girokonto - ist das möglich?

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Auch wenn viele von uns über die Banken und ihre Geschäftsmodelle schimpfen und Demonstrationen eskalieren: Ein Konto hat letztendlich jeder, oder? Keineswegs. Nach Schätzungen von Verbraucherzentralen und Schuldnerberatern leben eine halbe Million Deutsche ohne Girokonto. Aber können wir in unserer Gesellschaft überhaupt darauf verzichten? Und noch eine Frage beschäftigt uns: Wie sieht solch ein Leben aus?

Nutzen des Girokontos Leben ohne Konto? Warum die Entscheidung? Leben am Existenzminimum Recht auf ein Girokonto Blick in die Zukunft Fazit

Leben ohne Girokonto

Warum wir ein Girokonto führen

Ein Konto ist für uns selbstverständlich geworden. Auch wenn wir nicht täglich zum Bankautomaten gehen, brauchen wir die Leistungen, die mit diesem Finanz-Service in Verbindung stehen. Schließlich werden über das Girokonto wesentliche Transaktionen vollzogen. Die Gründe hierfür sind so alltäglich wie (überlebens-) wichtig:

  • Gehalt

Ohne Konto kein Gehalt. Zwar war es bis 1957 in Deutschland durchaus üblich, dem Arbeiter den Lohn in bar auszuzahlen. Mittlerweile ist es jedoch nicht nur normal, sondern selbstverständlich, das Gehalt auf ein Girokonto zu überweisen. Dabei wäre eine Barauszahlung nach wie vor theoretisch möglich und vom Gesetz her erlaubt. Problematisch hierbei ist aber der Nachweis. Der Arbeitgeber müsste sich für jede Auszahlung eine Quittung vom Arbeitnehmer ausstellen lassen, um doppelte Gehaltsforderungen zu vermeiden.

Darüber hinaus muss die Geldübergabe am Erfüllungsort stattfinden, das heißt, das Geld muss dort ausgezahlt werden, wo der Arbeiter tätig ist. Diesen gesetzlichen Pflichten nachzukommen, würde sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber heutzutage einen unverhältnismäßigen Mehraufwand bedeuten, der sich durch die Überweisung erübrigt.

Andererseits wäre es auch denkbar, dass sich bei Wiedereinführung des baren Lohns die Motivation bei Angestellten erhöht. Denn anders als eine digitale Zahl sind Scheine in der Hand eine greifbare Anerkennung geleisteter Arbeit. Doch letztendlich bleibt die Summe dieselbe und der Ärger für den Angestellten wird umso größer, wenn er seinen bar ausgezahlten Lohn letztendlich selbst auf sein Girokonto überweisen muss.

  • Miete

Ob per Lastschrift oder als Dauerauftrag: Miete geht für fast alle Bürger vom Konto an den Vermieter. Zwar zahlen einige Menschen ihre Miete persönlich und in bar. Allerdings sind insbesondere in Großstädten die entsprechenden Vermieter nicht greifbar und/oder wohnen nicht in derselben Stadt. Wer ein Haus bauen möchte, braucht umso dringender ein Konto, womit wir beim nächsten Punkt wären.

  • Kredite

Keine Bank wird Kredite an jemanden vergeben, der kein Girokonto hat. Und das ist auch kein Wunder. Wie soll jemand vertrauenswürdig bzw. solvent sein, wenn derjenige noch nicht einmal ein privates Konto führt? Ohne Kredite erledigen sich damit für viele Menschen auch kurz-, mittelfristige Träume wie ein neues Smartphone, ein toller Urlaub oder ein Auto. Keine Konsumentenkredite also. Das ist ein guter Grund gegen ein privates Konto. Der kontolose Bürger schützt sich damit quasi selbst vor Verschuldung. Super, aber: damit ist die eigene Immobilie oder ein vermietetes Renditeobjekt auch vom Tisch. 

  • Versicherungen

Hausrat-, Kranken-, Pflegeversicherung: Sie alle werden durch Geld vom eigenen Girokonto bezahlt. Allerdings sind einige Krankenkassen wie die TK in diesem Punkt kulant. Auf deren Webseite heißt es:

„Zahlen Sie bar, gilt der Beitrag an dem Tag gezahlt, an dem Sie ihn bei der TK eingezahlt haben."

Allerdings sind Angebote zur Barzahlung die Ausnahme. Die wenigsten Krankenkassen, geschweige denn Versicherungen, lassen sich gern darauf ein. Schließlich ist ein Lastschriftauftrag für beide Seiten wesentlich einfacher, pünktlicher und nachweisbar abzuwickeln. Zudem hätten die Versicherungsträger einen sehr hohen logistischen Aufwand ähnlich dem der Arbeitgeber zu bewältigen, wenn sie zusätzlich Bargeld akzeptieren würden.

  • Verträge

Viele Internet- und Telefon-Anbieter bieten die Zahlung ihrer Rechnungen in bar an. So ist es Kunden der mobilcom-debitel seit 2011 möglich, ihre Rechnungen bar zu bezahlen. Auch in Vodafone- und o2-Shops ist die Begleichung der Rechnungen in bar möglich. Allerdings steht hier erneut die Frage im Raum, ob der logistische und zeitliche Aufwand den Nutzen rechtfertigt.

Jedoch können Sie ohne Girokonto in der Regel keine Online Shops nutzen - selbst moderne Bezahl-Lösungen wie PayPal funktionieren nur mit einem verifizierten Bankkonto. Und was passiert, wenn Sie das Geld für die Stromrechnung nicht überwiesen haben bzw. sich der Beitrag nicht abbuchen lässt? Einige Stadtwerke akzeptieren zwar die Barzahlung für den Strom im jeweiligen Service-Zentrum. Aber haben Sie Lust, jeden Monat zum Schalter der Stadtwerke zu fahren?

  • Kaufkraft

Nicht zuletzt stellt das Girokonto eine wichtige Quelle für Bezahlvorgänge dar. Viele Menschen haben sich an den Nutzen der EC-/Girokarte gewöhnt und auch das kontaktlose Bezahlen wird immer verbreiteter. Bargeld ist zwar nach wie vor des Deutschen liebstes Zahlungsmittel, aber via Karte vom eigenen Girokonto aus bezahlen zu können, ist sowohl bequem als auch unkompliziert. Problematisch wird es hier mit dem Datenschutz, doch kann man sich in diesem Zusammenhang fragen, ob Geheimdienste allen Ernstes ein Interesse am letzten Discounter-Besuch haben. Nichtsdestotrotz ist die (digitale) Privatsphäre für die meisten Bürger sehr wichtig und den wenigsten gefällt der Gedanke, dass staatliche Organisationen jederzeit Einblick in den eigenen Kontostand erhalten können.

Ein Leben ohne Konto?

Obwohl ein Girokonto für den Alltag unerlässlich ist, leben über 500.000 Deutsche ohne diese finanzielle Basis. Dabei ist die Entscheidung dazu nicht immer freiwillig: Wer sich hoch verschuldet und aus der Spirale nicht mehr herauskommt, dem wird das Konto gepfändet.

Oft sind Menschen ohne Girokonto unfreiwillig in diese Lage geraten - etwa, wenn ein Unternehmer plötzlich von einer schweren Krankheit getroffen wird und vergisst, sein Gewerbe abzumelden. Die Krankheit mag er besiegen, doch die finanziellen Forderungen können ihn in den Ruin treiben.

Nicht immer sind die Hintergründe derart dramatisch. Aussteiger wie Öff Öff verzichten freiwillig auf ein Girokonto. Sie kehren der Moderne den Rücken und sprechen sich gegen Konsum und gegen die Bindung des Einzelnen an das aktuelle Finanzsystem aus. So edel derartige Vorhaben auch zu sein scheinen – die realen Folgen sind verheerend.

Warum die Entscheidung?

Überhaupt ist es fraglich, warum man ein Girokonto verweigern sollte. Ethische Einwände sind löblich, allerdings existieren genügend Alternativen wie Angebote der Ethikbank, GLS-Bank oder der Umweltbank, die das Geld ihrer Kunden nachhaltig und gewissenhaft investieren. Ein Girokonto bei einer dieser sogenannten Green Banks zu haben, ließe sich also auch mit hohen moralischen Standards vereinbaren.

In diesem Zusammenhang machte auch Deutschlands erste Islambank kürzlich von sich reden. Die Islambank verpflichtet sich, Investitionen zu vermeiden, die in Konflikt mit der Religion stehen. Der Verzicht auf Geldfluss in Richtung Waffen, Prostitution, Alkohol und Glücksspiel erscheint daher auch Nicht-Muslimen moralisch integer.

Die freiwillige Verweigerung zur Kontoführung als Protest am Finanzsystem geht aber nicht nur an der ethischen Kritik vorbei, sondern destabilisiert das Wirtschaftssystem in seinen Grundfesten. Einige mögen das sicherlich erstrebenswert finden, dennoch wären die Folgen bei einem wirtschaftlichen Kollaps für die Bevölkerung verheerend.

Immer am Existenzminimum

Ob freiwillige Entscheidung oder äußere Umstände – wer ohne Girokonto lebt, der befindet sich am Existenzminimum, wenn er nicht gerade Millionen Euro bei sich zu Hause zu liegen hat. Und auch in diesem Falle wäre ein Konto dringend zu empfehlen. Schließlich nehmen die Geldbündel einen Haufen Platz weg.

Auch Arbeitslosigkeit „befreit“ nicht davon, ein Girokonto zu führen. Schließlich muss die staatliche Unterstützung irgendwohin überwiesen werden. Wer sich dennoch dafür entscheidet, ohne ein Girokonto zu leben, der muss zahlreiche Entbehrungen in Kauf nehmen. Unter Umständen zahlt das Jobcenter den Hartz-IV-Satz in bar aus, behält jedoch eine Gebühr von 2,10 Euro ein. Von dieser Gebühr wird allerdings abgesehen, wenn man nachweislich nicht in der Lage dazu ist, ein Girokonto bei einer Bank zu erhalten.

Die Folgen eines nicht vorhandenen Kontos können noch weitreichender sein: Von Obdachlosigkeit bis hin zu fehlender medizinischer Absicherung. Auch wenn man genügend Bargeld hat, wird es teuer: Banken verlangen zum Teil horrende Bareinzahlungsgebühren. Und wer möchte schon regelmäßig Gebühren im z.T. zweistelligen Bereich an Finanzinstitute zahlen?

Pflicht und Recht zugleich

Daher sind sogenannte Basis- oder Bürgerkonten nicht nur bei einigen Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken, sondern allen Kreditinstituten in Deutschland, gesetzliche Pflicht. Menschen, die nichts besitzen, darf die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben nicht verwehrt werden. So können diese Girokonto Guthabenkonten ohne Mindesteingang, ohne Kontoführungsgebühren oder andere Konditionen oder Voraussetzungen von jedem geschäftsfähigen Erwachsenen eröffnet werden.

Obwohl Banken sich freiwillig selbst dazu verpflichtet haben, das "Girokonto für jedermann" bereitzustellen, heißt das noch lange nicht, dass diese darüber auch gründlich genug informieren. In der Vergangenheit häuften sich die Beschwerden über Kreditinstitute, die nur unzureichend oder gar keine Auskunft über diese Guthabenkonten erteilten.

Ein Blick in die Zukunft

Künftig dürfte es immer schwieriger werden, ohne ein Konto über die Runden zu kommen. Auch wenn Bargeld sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, sind elektronische Lösungen auf dem Vormarsch. Die Hürden im Zahlungsverkehr werden also nicht niedriger, sondern zahlreicher. Erfreulich ist jedoch, dass ein Basiskonto für alle voraussichtlich ab dem 01. Januar 2016 gesetzliche Pflicht werden soll.

Fazit

Ein Leben ohne Girokonto ist nicht nur sehr schwierig und teuer, sondern auch existenzbedrohend. Rechnungen müssen bezahlt, die Miete überwiesen, und eine Vielzahl anderer Transaktionen vorgenommen werden. Die Verweigerung eines Girokontos führt nicht nur zur gesellschaftlichen Isolation, sie bedroht auch den modernen Menschen und destabilisiert das Wirtschaftssystem. Wer moralische Bedenken hat, dass sein Geld in den falschen Händen landet, sollte sich daher bei den Angeboten von Ethikbank und Co. umschauen. Diese Banken erheben zwar höhere Gebühren, versprechen dafür aber auch einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Ihrem Geld. Werfen SIe auch einen Blick in unseren Girokonto-Vergleich.

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