Rezension: Der reichste Mann von Babylon (George S. Clason)

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Babylon, die längst vergessene Stadt – angeblich flossen hier Milch und Honig die Kanäle entlang. Über diese und andere Mythen lässt sich streiten. Tatsache ist: Babylon war über die Landesgrenzen hinweg berühmt für seine untergegangene Hochkultur. Und seine Bewohner sollen unglaublich wohlhabend gewesen sein. Der amerikanische Autor George S. Clason glaubte, die Geheimnisse dieses Reichtums entschlüsselt zu haben. Können also auch Sie durch dieses Buch reich werden?

Abgedroschene Tipps Warum sich das Buch trotzdem lohnt Sparen: Öde, aber lohnenswert Realismus und Kapitalismus

Tipps, die auf eine Serviette passen

Wenn Sie jetzt denken, dass es sich schon wieder um eines dieser zahllosen Bücher im Stile von Schnell reich und berühmt! handelt, dann sollten Sie vielleicht noch ein bisschen weiterlesen. Denn Der reichste Mann von Babylon ist anders. Hier finden Sie keine kometenhaften Startup-Erfolgsgeschichten oder Wall-Street-Geheimnisse. Wie der Titel bereits verrät, geht es um eine längst vergangene Epoche.

Ein kleiner Stern ist das trotzdem nicht – immerhin wurde das Buch, welches bereits 1926 erstmals erschien, ein weltweiter Bestseller und ist es bis heute. Der Erfolg lässt sich mit den scheinbar zeitlosen Prinzipien erklären, die Autor Clason darin schildert.

Und die schreibt er nicht einfach nur herunter. Denn offen gesagt passen die wesentlichen Aussagen dieses Buches in eine einseitige PDF-File. Oder ganz klassisch auf eine Serviette. Und manche davon sind ziemlich abgedroschen. Zum Beispiel diese hier:

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“ (S. 126)

Ach echt? Wie originell! Oder diese hier:

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ (S. 151)

Wahnsinn. Wo hatte der Mann nur diese erleuchtenden Gedanken her?

Warum sich dieses Buch trotzdem lohnt

Ok, zugegeben: Bis jetzt liest sich diese Rezension so, als hätte das Buch Ihnen nichts Neues zu sagen. Schließlich kennen wir ja alle diese schlauen Sprüche. Aber halten wir uns auch daran? Sehr wahrscheinlich wissen Sie, dass Sparen eine vernünftige, gute Sache ist. Aber wenn Sie diese Sache wirklich zu 100 % zu Ihrer Zufriedenheit beherrschen würden, hätte Sie diese Rezension dann angeklickt?

Und hier liegt die große Stärke von Clasons Buch: Die vermeintlichen Belanglosigkeiten, diese Selbstverständlichkeiten für Wohlstand und finanzielle Stabilität, werden dem Leser in Form von spannenden Parabeln vermittelt.

So begleiteten wir den jungen Wagenbauer Bansir durch eine Krise: Er ist verschuldet, weiß weder ein noch aus. Oder Sharru Nada, der so tief im Schlamassel steckt, dass er schließlich vom freien Bürger zum Sklaven wird. Das Leben im alten Babylon war hart – wer nichts besaß, der wurde besessen. Heute ist die Sklaverei glücklicherweise in weiten Teilen der Welt abgeschafft. Doch viele Menschen wissen, dass Schulden auch junge Menschen in fatale Abhängigkeiten stürzen können.

Auch folgen wir im Buch anderen Charakteren, die es zu Reichtum gebracht haben und dabei Irrwege gegangen sind. Und vielfach können wir uns als Leser mit diesen Irrwegen identifizieren.

Daher wundert es nicht, dass Der reichste Mann von Babylon heute noch aktuell ist. Wirtschaftssysteme, Währungen, Regierungen – all dies ist einem ständigen Wandel unterzogen. Doch die Grundgesetze von Vermögen und Wohlstand ändern sich nicht.

Sparen: Öde, aber lohnenswert

Clasons Buch bringt uns den drögen Wahrheiten erfolgreichen Sparens auf historisch-unterhaltsame Art nahe. Nein, es gibt kein Geheimnis, um über Nacht reich zu werden. Ja, es ist ein Prozess, der mehrere Jahre dauert und viel Selbstdisziplin erfordert. Daher lauten drei der goldenen Tipps aus dem Buch:

„Fangt an, eure Geldbörse zu füllen.“ (S. 45)

Von nichts kommt nichts. Ohne Einkommen können Sie kein Geld zur Seite legen. Doch die Höhe des Einkommens ist laut Clason nicht ausschlaggebend: Wenn Sie sich nämlich angewöhnen, immer 10 % Ihres Einkommens beiseite zu legen, werden Sie dies mit der Zeit für selbstverständlich erachten und trotzdem genügend Geld für das alltägliche Leben übrighaben.

„Kontrolliert eure Ausgaben.“ (S. 48)

Wir bei Kontofinder warnen immer wieder davor, Schulden zu machen. Natürlich gilt es, zwischen Konsumschulden und Investmentschulden zu unterscheiden. Nicht alle Schulden sind per se schlecht. Doch die meisten Menschen, die wegen Schulden in Schwierigkeiten geraten, rutschen in eine Abwärtsspirale, die sich ohne Schuldnerberatung manchmal nicht mehr stoppen lässt. Daher gilt: Wer seine Ausgaben kontrolliert, der hat ein großes Stück finanzieller Freiheit errungen.

„Verbessert eure Verdienstmöglichkeiten.“ (S. 61)

Die Umsetzung dieses Tipps ist in der westlichen Welt gemeinhin als Karriere bekannt. Durch Weiterbildungen, Coachings usw. können Arbeitnehmer ihre Verdienstmöglichkeiten verbessern – sofern das Unternehmen, bei dem man angestellt ist, diese Möglichkeiten anbietet. Doch auch abseits davon bessern viele Leute ihr Einkommen durch freiberufliche Nebentätigkeiten auf. Oder machen sich selbstständig. Die klassische Karriereleiter ist also nicht der einzige Weg zum Vermögen.

Realismus und Kapitalismus

So schön all diese Ratschläge auch klingen: Die Armut in Deutschland ist nicht immer ein hausgemachtes Problem. Eine schwere Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Insolvenz des Unternehmens: Das Leben kann uns in viele Situationen bringen, in denen ein Einkommensstrom schnell versiegt oder drastisch gebremst wird.

Noch verheerender sind solche Krisen in den USA, dem Heimatland des Autors George S. Clason. Dort glaubt man, ohne ein derart dichtes Sozialnetz wie in Deutschland, nach wie vor fest an das Selfmade-Prinzip – jeder kann es schaffen, jeder kann sich Wohlstand aufbauen, wenn er doch nur die goldenen Regeln befolgt.

Leider ist das Wunschdenken. Denn der weltumspannende Kapitalismus folgt auch einem Prinzip: dem des Profits. Die drei obigen Regeln werden für dieses Prinzip also wunderbar in die Tat umgesetzt – nur nicht von den Armen. Clasons Buch ist daher mit Vorsicht zu genießen, da es zwar hilfreiche Tipps für den Einzelnen gibt, die strukturellen Probleme von Schulden, Zinseszinsen und Lohndumping allerdings völlig ausblendet. Der kritische Leser sollte sich aber nicht blenden lassen, sondern die süßlichen Geschichten aus Babylon mit einer gesunden Skepsis behandeln. Dann kann er ein paar hilfreiche Tipps für sich daraus ziehen und sich bei Bedarf auf einer Serviette notieren.

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