„Über Geld spricht man nicht“ – typisch deutsch?

Stand: 11.09.2021

Über Geld spricht man nicht, man hat es. Kennen Sie solche Sprüche auch? Wenn Sie in Deutschland aufgewachsen sind, wahrscheinlich schon. Denn hierzulande ist kaum etwas verpönter, als über Geld zu reden. Warum Ihnen das mehr Nach- als Vorteile bringt…

Woher kommt das Tabu? Neid Warum es manchmal besser ist, zu schweigen Die Nachteile der Verschwiegenheit Fazit

Woher kommt das Tabu?

Von Kleinauf bekommen wir von unserer Umwelt eingeimpft, dass wir über Geld nicht sprechen sollen. Wir Deutschen gelten in der Welt als pünktlich, fleißig, ehrgeizig und ordentlich. Doch auch wenn es sich dabei um Klischees handelt, haben wir in der Welt den Ruf als Hochleister weg. Und mal ehrlich, wir könnten wirklich einen schlechteren Ruf als diesen haben.

Trotz unserer nachgesagten, recht eigenbrötlerischen Eigenschaften, gelten wir als umgänglich und kommunikativ. Wir reden gern und viel über unsere Jobs, unsere Wohnungen, unsere Pläne, Ziele und Wünsche. Doch aus einem Thema machen wir Deutschen eine Art Staatsgeheimnis: Die Finanzen.

Während in Schweden Steuererklärungen öffentlich einsehbar sind, misstraut hierzulande der ein oder andere sogar seinem eigenen Steuerberater. Diskretion bis hin zur steinernen Verschwiegenheit gilt selbst bei Centbeträgen. Niemand darf wissen, was der andere verdient.

Das hat zum einen arbeitsrechtliche Gründe: Wer in Deutschland einen Arbeitsvertrag unterschreibt, akzeptiert meistens eine Verschwiegenheitsklausel. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb in Deutschland nicht über Geld, geschweige denn über Vermögen gesprochen wird.

Neid

In den USA ist der American Dream nach wie vor der Leitstern von Millionen Menschen. Aus eigener Kraft ein vielversprechendes Leben in Reichtum aufzubauen – darauf fußt die Gesellschaft in Übersee. Dass die Realität mit Verschuldung und Armut völlig anders aussieht, ändert nichts an der Grundhaltung vieler Amerikaner. Wenn jemand erfolgreich ist, dann hat er in den Vereinigten Staaten Anerkennung und Reichtum verdient.

In Deutschland sieht die Sache anders aus: So lange wir uns im Mittelfeld bewegen, gliedern wir uns ein in den Strom des Wohlwollens. Verdienen wir aber mehr als der Durchschnitt und wagen es auch noch, diesen Mehrverdienst in Form von hochwertigen Produkten, Reisen oder Ähnlichem zu zeigen, brauchen wir auf den Gegenwind nicht lange zu warten.

„Da ging doch bestimmt irgendwas nicht mit rechten Dingen zu“ oder „Der ist doch der Liebling vom Chef – ist doch klar, dass der die Gehaltserhöhung bekommt. Dabei mache ich den Job viel besser!“ sind Sätze, die hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen ausgesprochen werden.

Wir Deutschen sind Weltmeister im Neiden. Uns soll es gut gehen, aber wehe, dem anderen geht es besser! Entsprechend negativ ist auch die Haltung zu Unternehmern: Missgunst und sogar der gehässige Wunsch, andere mögen scheitern, sind weit verbreitet. Experten vermuten, dass diese kleinkarierte Haltung historische Ursachen hat. Deutschland habe verlernt, ein Gründerland zu sein, heißt es.

Während in den USA Reichtum aus eigener Kraft entstehe, hätten die Reichen in Deutschland ihr Vermögen einfach geerbt. Das ist sicherlich etwas einseitig, trifft aber den Kern des Problems gut: Wo das Bewusstsein für unternehmerische Schaffenskraft fehlt und das Bedürfnis nach Sicherheit (Stichwort: Beamtentum) größer ist, als das nach Verwirklichung von Ideen, existiert kein Raum für Bewunderung und Gönnerhaftigkeit.

Warum es manchmal besser ist, zu schweigen

Es sind die eben erwähnten Gründe, die es manchmal ratsam erscheinen lassen, den eigenen Verdienst zu verschweigen. Wenn Sie keine Lust auf Anfeindungen und neidische Spitzen haben, sollten Sie in Deutschland wohl besser zurückhaltend mit Ihren Einnahmen umgehen oder sich mit Gleichgesinnten darüber austauschen.

Wer bescheiden mit seinen Finanzen umgeht, wirkt sympathisch. Allerdings kann diese zum Teil falsche Bescheidenheit schnell zur problematischen Intransparenz werden. Mit Folgen insbesondere für Arbeitnehmer.

Die Nachteile der Verschwiegenheit

Warum fällt es vielen Deutschen so schwer, zu verhandeln? Abgesehen von erfahrenen Freelancern, Unternehmern und Personalchefs sind wohl die wenigsten Menschen in der Kunst der Verhandlung geübt. Kein Wunder: Schließlich liegt es auch im Interesse des Arbeitgebers, dass die Angestellten nicht herausfinden, wer was genau in welcher Abteilung verdient. So haben sie weniger Argumente bei der Gehaltsverhandlung vorzuweisen.

Auch wäre eine ungerechte Bezahlung, wie sie nach wie vor zwischen Frauen und Männern üblich ist, wesentlich schwerer durchzusetzen. Wir Deutschen tun uns also keinen Gefallen damit, uns beim Thema Geld in stumme Götzen zu verwandeln.

Wenn nicht über Finanzen gesprochen wird, gehen auch ganz andere Themen unter, die für jeden Einzelnen enorm wichtig sind: Altersvorsorge, Bausparen, Wertanlagen, Renten, Haushaltskasse, Versicherungen, und so weiter und so fort. Gespräche darüber können vor Fehlern und damit vor massivem Geldverlust schützen. Denn nichts ist so wertvoll wie geteilte Erfahrung.

Einer Umfrage der Postbank zufolge schweigen 63 % der Männer und 64 % der Frauen zum Thema Geld. Besonders skurril wirken dabei die Ergebnisse in Bezug auf Paare. Demnach wissen nur 59 % der Befragten, wie viel Geld ihr Partner verdient. Wenn also schon in Partnerschaften nicht über den Verdienst gesprochen wird, wo dann?

Fazit

Die Themen Geld und Vermögen zurückhaltend zu behandeln, mag im Bekanntenkreis ratsam sein. Der schlechte Ruf von Unternehmern und Besserverdienern, sowie die deutsche Beamtenmentalität, fördern bei vielen Neid und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Unternehmen sollten jedoch deutlich transparenter mit ihren Gehältern umgehen, um genau diese Effekte zu vermeiden. Und auch Sie tun sich und Ihrer finanziellen Vorsorge etwas Gutes, wenn Sie sich mit anderen Leuten darüber austauschen.

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